Sonntag, 22. März 2015

Ray Cokes: My Most Wanted Life


Ray Cokes: My Most Wanted Life
Ray Cokes war mal ein Star. Nein, das ist nicht ganz richtig: Ray Cokes war mal DER Star des Fernsehsenders MTV Europe. Damals, als es das Internet noch nicht gab (von Twitter ganz zu schweigen) und Mobiltelephone noch nicht verbreitet, gab es nur die Möglichkeit via Brief (a.ka. „auf dem Postweg“), per Telephon oder mittels Fax (eine Art Schwarz-Weiß- Fernkopierer) mit einem Fernsehsender oder einer bestimmten Sendung in Kontakt zu kommen. SO lange ist das schon her. Aber damals war nicht alles schlecht, denn das „M“ in MTV stand mal tatsächlich für „Musik“ und Ray war 1992 bereits 34 Jahre alt als er mit der Sendung „MTV’s Most Wanted“ ein wenig Fernsehgeschichte schreiben sollte und sich fast unauslöschlich in die Herzen und Hirne von Millionen Fans im Alter von 15 bis 35 grinsen sollte. Heute wäre sowas undenkbar (und wenn man an den Kindergarten denkt mit dem wenig später ein Sender namens VIVA loslegen sollte…), damals hat man einfach gemacht.

Der Ruhm von Ray Cokes scheint kaum zu verblassen, auch wenn das alles schon gut 20 Jahre her ist. Heute lebt er in Belgien und ist Jurymitglied bei „Belgium’s Got Talent“. Und warum auch nicht? Die wirklich interessante Geschichte des Raymond Cokes wurde nun in Form einer Autobiographie veröffentlicht, und diese ist extrem unterhaltsam. Auf der Isle of Wight geboren, verlebte er seine Kindheit mehr oder weniger auf oder in der Nähe von Marinebasen (der Vater war in der Royal Navy) in Großbritannien, Nordirland, Südafrika und auf Mauritius. Nach einer (abgebrochenen) Ausbildung zum Koch geht er nach Belgien um dort tatsächlich Küchenchef zu werden. Doch er wird auch Vater und landet nach ein paar Zwischenstationen schließlich beim belgischen Fernsehen. Von dort gelingt der Sprung zurück auf die Insel: MTV Europe startet und Ray wird sofort angeheuert … und beinahe sofort wieder gefeuert, nachdem er bei der Eröffnungszeremonie nicht nur Elton John (ausgerechnet!) verärgert, sondern auch die Chefetage des Senders. Wie gesagt: Beinahe. Der Rest ist (wie es so schön heißt) Fernsehgeschichte. Nach dem unrühmlichen Ende bei MTV fällt Cokes in ein Loch und versucht über ein Jahrzehnt lang wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Dabei bleibt er sich selbst treu, läßt verschiedene Möglichkeiten vorüberziehen, heiratet und verliert seine Frau, wird sogar depressiv und (Internet-)sexsüchtig. Erst im neuen (noch immer aktuellen) Jahrtausend scheint er wieder auf der Erfolgsspur zu sein. Nach diversen Jobs im französischen Fernsehen landet er schließlich bei „Belgium’s Got Talent“ und genießt seine Rolle dort.

Das alles (und noch viel mehr) erzählt Ray Cokes mit dem ihm eigenen Humor, der ihm offenbar nie auszugehen scheint (bis auf die Tiefphase nach der Trennung von seiner Frau). Witzig, kurzweilig und angefüllt mit den interessantesten, saftigsten und auch traurigsten Erinnerungen an seine Zeit bei MTV (und anderen großen und kleinen Sendern) sowie Anekdoten von Take That über The Cure bis U2 ist "My Most Wanted Life" eine Achterbahn der Gefühle. Nicht immer verläuft alles glatt im Leben und nicht immer sind die Umstände so wie man sie haben möchte. Viele große und kleine Egos (auch und gerade von den Leuten im Hintergrund: Kameraleute, Assistenten, Produzenten...) müssen ertragen oder ignoriert werden. Doch mit dem erwähnten Humor, einem offenbar doch irgendwie vorhandenen Arbeitsethos (Cokes bezeichnet sich immer wieder als Punk) und der gelegentlichen Hilfe von mehr oder weniger illegalen Substanzen (dem Leser wird so gut wie nichts erspart) läßt es sich aushalten und trotz finanzieller Unwägbarkeiten ein letztlich gutes Leben leben. Was mehr kann man sich (und ihm) wünschen?

Die lesenswerte Autobiographie von Ray Cokes gibt es bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, eine signierte (englischsprachige) Version ist ebenfalls erhältlich. 


P.S.
Ray, if you're reading this (which you won't): You do seem like an all right bloke!

Freitag, 13. März 2015

Mittwoch, 11. März 2015

Tocotronic Live 2015

Wunderschöne geprägte (!) Karte: Tocotronic Live 2015
Tocotronic machen nicht nur die feinste deutschsprachige Musik, nein sie sind auch Ästheten. Anders kann man diese Konzertkarte (Numero 32!) nicht erklären. Interessant auch: Wohl erstmals in ihrer langen Karriere spielen die Tocos in Bielefeld nicht im Forum sondern in einer ungleich größeren Lokalität. Ich für meinen Teil freue mich drauf!

Sonntag, 8. März 2015

Wenn ihr euren Weg geht/Gehe ich den meinen - Eine Absage an U2



Es hat lange gedauert bis ich mich von U2 begeistert zeigen konnte. Vage erinnere ich mich an "Pride", einprägender waren Songs wie "Streets" oder "With Or Without You". Als aber "Achtung Baby" veröffentlicht wurde (und ich mich schon vorher an eine grottenschlechte illegale Aufnahme namens "Rotterdam" verliebt hatte) war es um mich geschehen. Hier war eine Band aus ihrem eigenen Schatten herausgetreten und versuchte etwas völlig anderes als bisher. Sicher, im Laufe der Zeit konnten die Ironie-Anfälle des Sängers auch mal nerven, aber die Songs waren (und sind) großartig, das Album klingt wie aus einem Guss, die dazugehörigen Videos waren auch nicht schlecht und die Tournee…. ja, die Tournee war wohl so ziemlich das großartigste Live-Erlebnis der Dekade. Mindestens. Da kam später auch die Popmart-Tour nicht mehr mit.
Wie gern erinnere ich mich an Larry, der sich an das Seil, welches von einem zur Diskokugel umgemodelten Trabbi herunterhing, hängte um eben jenen Trabbi in Drehung zu versetzen und somit die ganze Westfalenhalle in die Milchstraße verwandelte. Die perfekte optische Umsetzung von "Satellite Of Love".

Schon damals saßen einige wenige Personen hinter (!!) der Bühne, was mich ziemlich fassungslos machte. Viele Jahre später stand dann eine riesige Bühne in der Mitte (naja…) von Fußballstadien und versprach beste Rundumsicht. Das ist auch (und gerade) in einem Stadion natürlich ziemlich weit hergeholt und da die Band es nicht geschafft hat das Schlagzeug rotieren zu lassen, wurde bis auf ganz ganz wenige Ausnahmen, auch nur in eine Richtung gespielt. Mission not accomplished, doch angesichts der Wahnsinnsbühne fiel das eigentlich niemandem so richtig auf und vermutlich war das auch gar nicht wichtig. Wichtig war nur, dass man (wieder) dabeigewesen ist, eine Menge Photos geschossen hat und noch seinen Enkeln davon erzählen kann.

Nun gibt es also seit Monaten ein neues Album und eine neue Tour. Anderswo habe ich es schon einmal geschrieben, aber der Vollständigkeit halber gehört es auch in diesen Text: Ich mag das Album nicht. Wie bei "All That You Can't Leave Behind" und dem Album mit der Bombe im Titel erfasst mich nach ungefähr der Hälfte eine unglaubliche Langeweile. Ich verstehe schon was das alles soll und so (Rückblick, Selbstreflexion und/oder Nabelschau), aber ich finde es -pardon- einfach nicht gut umgesetzt. Vielleicht ist es wie bei dem verunglückten "Pop": Die Songs sind da, aber die Produktion nicht? Keine Ahnung, jedenfalls reißt mich das Album überhaupt nicht mit und dieser widerliche Deal mit einem widerlichen die Welt beherrschen wollenden Konzern hätte es auch nicht gebraucht. Einmal bin ich persönlich gar nicht so technikverrrückt, andererseits glaube ich ein Album von U2 bekommt auch ohne Gratis-Download (oder sollte ich sagen: Automatik-Download?) genügend Aufmerksamkeit. Dafür sollte man (und KANN man) durchaus Dankbar sein, doch scheinbar ist das nicht genug. Nein, es kommt mittlerweile nur noch auf die schiere Größe an: Wie viele Menschen haben das Album zwangsruntergeladen? Wie viele haben zumindest reingehört? Das ist von höchstem Interesse für einen gewissen Sänger. Mich jedoch interessiert das alles nicht, da mich die Songs nicht packen, tut mir leid. 

U2 mögen vieles sein, aber ein Konzeptalbum (*schluck*) steht ihnen einfach nicht. Bono ist ein großer Geschichtenerzähler, aber eben wie auf "Achtung Baby" sollten diese Geschichten erst zwischen den Zeilen erkennbar sein. Damals hatte er noch eine fast surreale Art Texte zu schreiben. Das war damals sicher nicht weniger harte Arbeit als heute konkrete Geschehnisse in (Song-)Textform zu gießen. Doch  damals (und auch noch auf "No Line On The Horizon" von 2009) hat es funktioniert und heute  tut es das eben nicht.

Und nun also in ein paar Wochen wieder eine Konzertreise. Schön. Keine Stadien - noch besser. Klar, der Vorverkauf würde übel werden, die riesige Nachfrage kann durch die wenigen Konzerte nicht befriedigt werden. Also kommen erstmal die Fanclub-Mitglieder dran, was auch völlig OK ist, denn ansonsten kann man denen auch wenig Gutes tun (an den jährlichen Geschenken haben sie ja auch immer was auszusetzen: Wieso schon wieder eine CD? Warum jetzt Vinyl? Was ist überhaupt ein "Schallplattenspieler?" usw.). Dann geht der Kartenverkauf weiter und das gemeine Volk darf ebenfalls welche kaufen, aber nur in Verbindung mit einer abzuschließenden Mitgliedschaft in besagtem Fanclub. Wow. Die Idee ist so geldgeil, dass ich kotzen könnte. Mal ehrlich: Was hat U2 nur so ruiniert? Neben den Stones und Metallica dürften sie die einzige Band sein die so ziemlich jedes Stadion der Welt füllen kann. Doch das ist immer noch nicht genug? Für mich ist das in jedem Fall schon zuviel, vor allem wenn ich sehe welche kreativen Ideen in die Welt gesetzt werden um noch die nächste Geldquelle des geneigten Fans anzuzapfen (und die Fans offenbar nur darauf gewartet haben). Und: 200 Euro in der besten Preiskategorie bin ich zwar durchaus bereit für eine Konzertkarte zu zahlen, aber nicht für U2, tut mir (nochmals) leid.

Seltsam an der ganzen Sache ist: Es berührt mich kaum. Vielleicht schafft die Band ja genau das, was sie offenbar schaffen möchte: Viele (neue) Fans/Hörer zu finden. Und haben sie nicht schon einmal gesagt sie können auf die alten Fans verzichten? Haben sie: Zur Zeit von "Achtung Baby". Da schließt sich also der Kreis. Für die Band, weil sie mit dem aktuellen Album auf die eigene Vergangenheit und Zeit der Unschuld zurückblickt, und für mich weil ich (wie damals die Fans des Joshua Trees) einfach nicht mehr mitkomme (wenn auch nur teilweise musikalisch, eher was die Vermarktung der Band angeht). Vielleicht ist es einfach an der Zeit, dass die Band ihren Weg geht und ich den meinen. Irgendwo sehen (und hören) wir uns vielleicht mal wieder. 

Das Album beginnt mit "The Miracle (Of Joey Ramone)". Schon beim durchaus gelungenen Vorgänger "No Line On The Horizon" (der aber offenbar nicht erfolgreich genug gewesen ist) wurde hier die denkbar schlechteste Möglichkeit der wichtigen (???) ersten Single gewählt: Die bratzige Guitahre macht definitiv keinen guten Song, das Teil ist so verungückt wie seinerzeit "All Because Of You" (wohl Bonos Vorstellung eines Punk-Songs). "Every Braking Wave" ist dann der zeite Titel und das mit Abstand beste Lied des Albums. In "California (There Is No End To Love)" soll die erste Reise in den goldenen Westen der USA beschrieben werden. Die Beach Boys (ausgerechnet!) werden beschworen, doch Bono hätte sich lieber einen Sandkasten ins Studio liefern lassen sollen. Hier reimt sich nichts und die ganzen oh-oh's können den Song auach nicht retten. Live könnte daraus was werden (wenn Bono den Text nicht vergisst). Mit "Song For Someone" kommt dann endlich die Ballade, auf die die weiblichen Fans beim Konzert so sehnsüchtig warten. Warum auch nicht, hier finden endlich Text und Musik zusammen, definitiv der zweite Höhepunkt des Albums.

"Iris (Hold Me Close)" ist wieder mal ein Lied über des Sängers Mutter. Wie lange sind "I Will Follow" und "Lemon" schon her? Immerhin, es klingt zunächst dramatisch und Edges Guitahre erinnert an... ja, was eigentlich? Die frühen U2 halt, man darf gespannt sein in welchen Song dieser bei den Konzerten übergeht. "Volcano" ist wieder der Versuch einen ROCKsong zu schreiben, das abgesehen von der Basslinie rockt hier nichts, schon gar nicht der Refrain, der dämlicher nicht sein könnte: "Vol-ca-no/You don't wanna you don't wanna know". Weiter geht es mit dem nächsten Rückblick auf die vermeintlich unschuldige Zeit: "Raised By Wolves" ist die Erinnerung an einen Bombenanschlag, den ein ganz junger Paul H. miterlebte. Ein starkes Thema, ohne Frage, und auch kein schlechter Song. Vielleicht ist es sogar der interessanteste des Albums (auch wenn sich hier wieder nichts reimen will). Noch mehr Erinnerungen gibt es in "Cedarwood Road". Bono erzählt von Freundschaft, er schwelgt geradezu in seinen Gedanken an die alte Heimat, doch die Band scheint ganz woanders hinzuwollen, wieder finden Musik und Text nicht zusammen. 

"Sleep Like A Baby Tonight" ist musikalisch ganz klar eine (sagen wir) Verneigung vor Kraftwerk (ca. "Trans Europa Express"), zumindest bis Edge reinbratzt. Am Ende versucht sich Bono nochmals an seinem Falsett und bekommt es auch hin (so gerade). "This Is Where You Can Reach Me Now" soll wohl eine Hommage an Joe Strummer sein. Sie klingt etwas gefälliger als die für Joey Ramone, könnte aber auch irgendeine B-Seite sein (als es sowas noch gab). "The Troubles" ist kein schlechter Song für das Ende des Albums, vor allem da man hier tatsächlich mal eine Frauenstimme hört (nämlich die von Lykke Li). Es heißt hier "I have a will for survival/So you can hurt me then hurt me some more/ I can live with denial/ But you're not my troubles anymore". Nuff said.

Samstag, 7. März 2015

Tocotronic - Prolog (Official Video)

Am 01. 05. erscheint das neue Album der Tocos!